Vom technischen eCommerce zum Erlebnisfaktor: “Ich glaube an den sozialen Filter und das soziale Design!”


Interview mit Dr.  Andreas Bersch, Berliner Brandung (Teil 2)

Gestern habe ich Dr. Andreas Bersch auf der Online Handel 2012 wiedergetroffen. Er ist sich sicher, dass Facebook Open Graph zu einerm Paradigmenwechsel im eCommerce führt – und genau um das Thema geht es im zweiten Teil meines Interviews mit ihm!

Bernhard Steimel: Wechseln wir doch mal von der Option Einkaufen dort zu ermöglichen, wo Menschen sich vernetzen zu der Option, Menschen die Möglichkeit zu geben, sich dort zu vernetzen, wo sie einkaufen. Welche Plug-ins und Tools gibt es, die man in andere Webpräsenzen integrieren kann und die das Kauferlebnis sozialer gestalten?

Dr. Andreas Bersch: Es sind zwei Dinge, die wir unterscheiden müssen. Der Like-Button führt zunächst einmal nur zu mehr Traffic. In meinem Shop gibt es einen Like-Button, der Kunde kann also auf „Like“ klicken, das wird in den Stream seiner Freunde auf Facebook gepostet und ein paar Freunde klicken auf den Link. So bekomme ich Traffic über den Like-Button. Das ist wichtig.

Aber das spannende ist, E-Commerce im Zeitalter des Open Graph bedeutet, dass ich den Nutzer aus seiner Anonymität heraushole. In einem Shop oder einer Community  habe ich von einem Nutzer, der nicht bei mir registriert ist, nur die IP-Adresse. Wenn ich ihn aber dazu kriege, sich über Facebook einzuloggen, single sign-on, dann ist erstens der Login-Prozess für den Kunden sehr einfach und sehr schnell, denn die Facebook-Daten hat er immer zur Hand und zweitens kann ich ihn dann über den Open Graph direkt identifizieren.

Dann weiß ich, wer der Kunde ist. Ich kenne Geschlecht, Alter usw. Das heißt, ich kann daraufhin meinen Webshop oder meine Webseite schon personalisieren. Warum sollte ich nämlich einem Nutzer Frauenstiefel anzeigen, wenn ich weiß, dass er ein Mann ist.

Die nächste Evolutionsstufe ist dann, dass über den Open Graph die Schwarmintelligenz verfeinert wird. Vorher hatte ich Feedback wie „95% haben diesen Artikel positiv bewertet“ oder ähnliches. Jetzt aber kann ich dem Nutzer zeigen, welcher seiner Freunde sich diesen Artikel angesehen, gekauft oder empfohlen hat.

Diese Informationen hole ich mir aus dem Open Graph. Das heißt, ich matche das mit meinen eigenen Daten. Damit wird der Webshop nicht nur personalisiert, sondern er wird auch sozial, weil ich genau das herausfiltere, was die Freunde dieses Nutzers in meinem Shop gemacht haben.

Das beste Beispiel dafür, dass das funktioniert, liefert uns amazon, die eine sehr gute Mechanik haben. Durch die Funktion Tell-A-Friend, die es bisher nur in den USA gibt und mit der man on top den Open Graph einbezieht. Der Nutzer kann also wählen, ob er zusätzlich noch sehen will, welche Produkte seine Freunde sich angeschaut oder gekauft haben.

Bernhard Steimel: Ich persönlich bin ein großer Fan des Facebook Connect, weil es mir ermöglicht, eine Reihe von Portalen – wie SlideShare oder ähnliches – schneller zu betreten. Warum nutzen das noch relativ wenige Unternehmen? Und gibt es gute Beispiele für Unternehmen, die das schon richtig gut umsetzen?

Dr. Andreas Bersch: Es gibt keine Beispiele. Es gibt keinen Shop, der das schon richtig gut macht. Es gibt erste Ansätze von smatch.com, die aber in eine andere Richtung gehen. Eine Richtung, die ich auch nicht für richtig halte, nämlich zu schauen, welche Interessen der Nutzer hat bzw. welche Interessen seine Freunde haben. Und aus diesen Interessen werden Produktvorschläge generiert. Ich glaube nicht, dass das funktioniert, weil das Interessensprofil auf Facebook nicht vollständig ist. Es ist ein zufälliges Interessensprofil.

Ich glaube an den sozialen Filter und das soziale Design. Da gibt es erstaunlicherweise noch keine guten Beispiele – auch international nicht. Amazon sind eine der ersten, die das verstanden und umgesetzt haben.

Bernhard Steimel: Lassen Sie uns darüber sprechen, welche Herausforderungen dabei auf ein Unternehmen warten. Einen Facebook Connect zu integrieren, ist nicht die Kunst. Den Open Graph auszulesen, und gewinnbringend zu nutzen, ist das eine größere Herausforderung?

Dr. Andreas Bersch: Technisch ist das überhaupt keine Herausforderung. Natürlich muss man technisch auch etwas umsetzen, aber eigentlich steht man vor einer strategisch konzeptionellen Herausforderung. Denn wir müssen lernen, anders zu denken.

E-Commerce ist technikgetrieben. Das ist berechtigt und das wird auch zum Teil so bleiben, aber man muss sehen, dass neben dem technischen E-Commerce ein sozialer und emotionaler ECommerce entsteht.  Und der bietet neue unerkannte Umsatzpotentiale, mit denen man sich beschäftigen muss. Und das ist eher eine Anforderung, anders zu denken.

*** Ende Teil 2 ***

Nächste Woche geht es weiter mit  “der Handel muss aus seiner Defensiv-Strategie heraus.”

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Über Bernhard Steimel

Bernhard Steimel ist Inhaber der MIND Business Consultants mit Sitz in Meerbusch. Seit mehr als 15 Jahren ist er als Unternehmensberater tätig. Ein Beratungsschwerpunkt ist Business Development. Er ist u.a. Autor der Studie „Social Media im Kundenservice“ und Herausgeber von smarter-service.com. Bernhard Steimel erwarb das Diplom der Wirtschaftswissenschaften an der Bergischen Universität GH Wuppertal und den Bachelor's Degree in Economic Sciences an der Université de Paris, Sorbonne.

3 Antworten zu “Vom technischen eCommerce zum Erlebnisfaktor: “Ich glaube an den sozialen Filter und das soziale Design!””

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  1. Vom technischen eCommerce zum Erlebnisfaktor: “Ich glaube an den sozialen Filter und das soziale Design!” « Die Lautmaler – Der Blog - 19. Januar 2012

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